Sunny und Harry |
Langsam und ganz vorsichtig schiebe ich meine ersten Spitzen aus dem holzigen Stamm, der meine Mutter ist. Unaufhaltsam strebe ich nach draussen, wie jedes neue Leben. Dann ... es wird hell ... ich blinzle mit den Augen, es ist heller und heller, ich habs fürs erste geschafft und atme ganz tief den würzigen Duft, der einer schwarzen Substanz tief unter mir entströmt. Dann geschieht etwas Eigenartiges, etwas beugt sich über mich, ein Schatten fällt auf mich und ich höre etwas sagen >na, das wurde auch langsam Zeit<. Wie kann ich die Stimme eines anderen Wesens verstehen ? und selbst nicht reden ? Ich denke nicht weiter darüber nach. Dann wird es dunkel, ich falle in einen wohligen Schlaf. Als ich erwache liegt wieder helles Licht ringsum. So geht es eine Weile, tagaus tagein, um mich herum ganz viele Artgenossen, manchmal prasselt etwas auf eine durchsichtige flache Platte, hoch über uns. Manchmal erhellen Lichtscheine das Dunkel, dem lautes Getöse folgt. Manchmal ist die Platte mit einer weissen Masse bedeckt und es ist gar nicht hell, wenn es das eigentlich sein müsste. Und im Dunkeln erscheint oft ein grosser heller Ball mit ganz vielen kleinen hellen Punkten drumherum.
Doch dann
... ... ...
es schmerzt höllisch
ich verliere Blut
was macht man mit mir ???
meine stummen Schreie verlieren sich in der Unendlichkeit
man wickelt mich in wohligweiche warme Blätter und ich verliere das Bewusstsein
als ich erwache ist es dunkel, wohlige Wärme umgibt mich. Mit aller Macht will ich grösser werden, raus aus diesem Dunkel, wieder zum Hellen. Wie lange es dauert, ich weiss es nicht. Irgendwann werde ich mitsamt den Blättern um mich herum in die Höhe gehoben und ... grelle Helligkeit blendete meine Augen. Weiche schlanke Finger umfassen mich und setzen mich angebunden an eine Stange in diese dunkle Substanz, die so gut riecht. Endlich darf ich wieder teilhaben am stetigen Wechsel von Hell und Dunkel. Ich strecke meine Beine aus ganz tief in die würzige Substanz und meine Blätter entfalten sich immer mehr. Immer weiter entferne ich meine Spitze von dem würzigen Boden. Mehr und mehr Blätter treibe ich aus zur Freude der Stimme >die sind ja gut angegangen< höre ich sagen und empfinde es als Lob. Dreimal erlebe ich, wie sich weisse Masse über die durchsichtigen Platten hoch über mir legt. Und dann werde ich jäh diesem geruhsamen Leben entrissen. Rauhe Hände packen mich zusammen und stecken mich in etwas durchsichtig Dünnes, welches mir den Atem nimmt. Ich verliere das Bewusstsein
... ... ...
Ich werde wach und spüre die harte Schale rund um mich herum. Hinaus hinaus, treibt es mich an, und ich mobilisiere alle meine Kräfte, um diese Schale zu durchbrechen. Mein Wille treibt mich hinaus und als ich die erste Spitze aus der Schale zwänge umgibt mich etwas sandig dunkles. Durch ganz viele kleine Ritzen dringt Helligkeit zu mir durch. Ich höre die Stimmen, kann sie verstehen >Kind, hab Geduld, es ist noch nicht so weit, es muss erst Frühling werden<. Doch ich will grösser werden, will ans Licht, und wende all meine Kraft auf bis ich endlich die dunklen Körner durchstosse. Geschafft, schreie ich stumm, und schaue um mich. Ganz viele grüne Spitzen sind um mich herum. Und wieder die Stimme >da sind sie Mama, sie sind gewachsen< Von nun an erlebe ich einen schnellen Wechsel zwischen Hell und Dunkel. Im Hellen steht ein greller Ball hoch über uns, oder es trommelt etwas, das ich nicht kenne, vervtötend auf die durchsichtige Platte hoch über unseren Spitzen. Im Dunkeln erblicke ich oft silbriges Licht aus einer grossen hellen Kugel und aus ganz vielen kleinen Punkten.
... ... ...
Meine ganze Kraft setze ich da hinein, grösser zu werden und als es wieder einmal hell wird höre ich wieder die Stimmen >Mama, schau, die Blüten öffnen sich schon<>Ja mein Kind, bald müssen wir sie abgeben< Nur noch wenige Hell und Dunkel waren es dann, bis ich meinen Blütenkorb ganz weit geöffnet hatte und mit dem hellen Ball hoch oben um die Wette strahlte. Dann ergreifen mich kleine Hände und man löst meine Beine aus dem würzigen Halt, ich schreie stumm >Lasst mich, ich sterbe< aber meine Angst ist ohne Grund, denn ich werde nur von meinen Artgenossen getrennt und bekomme eine eigene Wohnung. Erstaunt sehe ich, wie wir alle in einen dunklen Raum gebracht werden und höre eine ganze Weile lang ein gleichmässiges Surren.
... ... ...
Dann wird es plötzlich wieder hell, tosende Wellen von Stimmen um mich herum, und ich finde mich wieder neben einem dunkelgrünen endlos langen Blättergesellen. Ich sage zu ihm >hee, wer bist denn du< aber er bleibt stumm.
Langsam erwache ich aus meiner Bewusstlosigkeit und öffne blinzelnd meine Augen. Gleissende Helle um mich herum und eine Getöse von Stimmen. Neben mir ein gelbes Etwas.
>Wo sind wir ? < frage ich es, >hee du, ausgeschlafen ?< piepst ein helles Stimmchen aus dem runden hellen Gesicht. Als auch schon ein Schatten auf uns fällt.
>Diesen Gummibaum hätte ich gern< höre ich sagen, werde in die Höhe gehoben und von meiner kleinen Freundin schon wieder getrennt. Wieder Dunkel und doch ... ich lebe. Höre die Stimme sagen >die ist aber süss, die nehme ich auch noch mit.<
Eine ganze Weile später, mir ist schon ganz schlecht vom vielen durchrütteln, wird es endlich ruhig. Endlich aufrecht stehend entledigt man mich der umgebenden Hülle.
... ... ...
>Euch stelle ich ans Fenster, wo ihr richtig Licht bekommt< höre ich eine liebevolle sanfte Stimme sagen, und als ich es wage meine Augen zu öffnen, was sehe ich mit Freude - meine kleine Freundin ist neben mir. >Halloho< höre ich sie sagen, und >wir sind daha< und ein liebes Lächeln aus einem Gesicht umrahmt von hellen Locken lacht mich von der anderen Seite strahlend an. >Na, nun werdet ihr mir Gesellschaft leisten< sagt wieder diese Stimme >aber ihr müsst auch Namen haben< >Dich Gummigeselle, nenne ich Harry, und Dich, meine kleine Sonnenfreundin, nenne ich Sunny. Ihr werdet es gut bei mir haben.<
Im Dunkel schauen wir später gemeinsam den grossen silbrig hellen Ball und die vielen kleinen hellen Punkte drumherum. Und die Stimme sagt leise >Schaut ihr zwei, die silberne Mondin, ich knipse jetzt ihre Kinder an, die kleinen Sternchen. Schlaft gut ihr zwei.<
Und so leben wir denn einer für den anderen in einer ganz ruhigen Welt. Hell und Dunkel wechseln einander ab.
~~~~~ Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben Sunny und Harry noch heute ~~~~~
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