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Physalis hasste Bahnfahrten
genauso sehr, wie sie diese liebte. Man wusste nie, welchen Menschen
man begegnete.
Sie stand am Bahnhof und beobachtete andere,
während andere sie beobachteten. Sie war ungeduldig. Eigentlich
war sie immer ungeduldig, aber wenn sie auf Züge wartete, die versprachen,
dass sie bald bei geliebten Freunden sein werde, dann war es sogar
noch schlimmer mit ihr. Ein wenig ärgerte sie das und ein wenig
lächelte sie über sich selbst und über das, was andere von ihr denken
mochten. Endlich kam der Zug. Schon von weitem sehnte sie sich unendlich
lange danach, endlich einsteigen zu können. Sie wollte niemandem
zur Last fallen, und auch nicht, dass irgendwer sie belästigte,
und waren es nur unverhohlene Blicke auf ihre langen Haare. Unangenehm
ein Mädchen zu sein – manchmal nur, versteht sich.
Also setzte
sie sich alleine in eine der Vierersitzgruppen. Genug Platz gab
es ja in diesen kleinen Regionalbahnen, außerhalb der Hauptverkehrszeiten.
Ein
wenig Musik in den Ohren, ein kurzes Telefonat mit der Mutti, die
sich Sorgen machte, weil Physalis ihr eben noch erzählt hatte, dass
sie die Straße, in der sie sich mit den anderen traf, noch nie gesehen
hatte. Das Wetter war schön und das Träumen leicht.
Nach
kurzer Zeit, gleich einer halben Stunde, stieg sie aus, schaute
schnell auf den Abfahrtsplan, um zu sehen, ob es heute einen schnelleren
Anbindungszug in ihre Richtung gab, und ging dann gemütlich auf
Gleis drei. Aus Erfahrung wusste sie, dass die Züge am Ende des
Gleises leerer waren, da wo die ersten Wagen hielten und sich das
Fahrradabteil befand. Bei den Wartebänken waren noch zwei der fünf
Plätze frei.
Sie fühlte sich nicht gut dabei. Sie fühlte
sich wirklich nicht gut dabei, aber der Mann auf der ersten der
drei besetzten erschien ihr versoffen und verräuchert und als würde
er nur allzu gerne mit achtzehnjährigen, blonden Mädchen anbandeln.
Wahrscheinlich ein bösartiges Vorurteil, das ihre Gesellschaft ihr
eingetrichtert hatte, aber nicht auszuschalten. Die anderen beiden
Personen, ebenfalls männlichen Geschlechts, schienen in ihrem Alter
zu sein. Der eine Hellblonde mit der Reisetasche und dem Trinkpäckchen
vielleicht ein bisschen älter, der andere, den schlaksigen mit der
Mütze und den Kopfhörern auf den Ohren konnte sie nicht so gut einschätzen.
Physalis
wählte den linken der beiden freien Plätze, näher an dem mit der
Mütze, da er ihr auf Anhieb sympathischer erschien. Es war ein kühler,
nebliger Tag. Aber jetzt blitzte die Sonne gerade durch die
dünne Schleierschicht. Da hockte sie nun. Erneut auf einen
Zug wartend, Leute beobachtend und mit einem großen Kommunikationsdurst.
Ständig überlegte sie, wie sie ihren, Musik hörenden, vor sich hinstierenden
Nachbarn, der auch noch zu rauchen anfing, in ein nettes Gespräch
verwickeln könnte.
Physalis war schrecklich langweilig. Sie
selbst hörte noch ein wenig Coldplay mit ihrem MP3-Player, steckte
ihn dann weg, nahm ihr Gedichtebuch aus dem Rucksack, blätterte
durch, steckte es wieder weg. Nach ein paar Minuten des unruhigen
Herumsitzens, am liebsten etwas sagen wollend, kam die Ansage für
ihre Bahn. Erstaunlicherweise schien sie heute einmal pünktlich
zu sein. Das war auf dieser Strecke selten. Sie hüpfte förmlich
auf, schmiss sich den Rucksack auf den Rücken und hüpfte zwei Schritte
vor, um sehen zu können, wenn der Zug tatsächlich eintraf. Der Blonde
mit dem inzwischen leeren Trinkpäckchen lächelte offen.
„Ich
finde das blöd, wenn sie die Züge so früh ansagen, ehe sie kommen.
Ich bin dann immer wie so ein aufgedrehtes kleines Kind.“, sagte
sie, ebenfalls offen lächelnd, oder besser breit grinsend, zu ihm.
„Du
hast noch zwei Minuten.“, kam die belustigte Antwort.
Physalis
hüpfte noch einmal aufgeregt. Nur ein ganz kleines wenig und starrte
in die Richtung, aus der der Zug kommen würde.
„Ich mag Menschen,
die spontan Grinsen.“ Physalis war schon immer der Meinung gewesen,
dass man so etwas öfter in der Öffentlichkeit erwähnen sollte, damit
die Leute wussten, wann sie einen anderen wildfremden Menschen zutiefst
erfreut hatten.
Er grinste noch einmal vor sich hin.
Endlich
kam diese dumme Bahn in Sicht. Es war eine von diesen, die so schrecklich
quietschen, wenn sie bremsen. Physalis überlegte gerade noch, ob
dieser nette Mensch auch mit ihrem Zug fahren wollte, oder ob sie
ihm noch freundlich Tschüss sagen sollte, als der Zug schon quietschte
und hielt.
Auf dem Weg zur Tür rief er ihr noch „Gute Fahrt!“
hinterher und sie antwortete, winkte dann noch einmal aus dem Zug
und freute sich darauf, davon zu erzählen, dass sie einen „grinsenden
Menschen“ getroffen hatte.
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